Sonntag, 11. Dezember 2011

Die ersten Schmetterlinge im Bauch trotz Korsett

Ich bin verliebt. Bis über beide Ohren. Das erste Mal. Und er stört sich doch tatsächlich nicht an meinem Korsett. Kaum zu glauben, aber wahr. Er mag mich so, wie ich bin und kommt offenbar ohne Weiteres damit klar, dass, wenn er mich in den Arm nimmt, er ein hartes Plastikgestell umarmt. Vielleicht liegt es daran, dass er zwei Jahre älter ist als ich, aber vielleicht mag er auch tatsächlich einfach nur meine Art. Wir lachen viel zusammen und albern rum und in diesen Momenten vergesse ich glatt, dass ich eingeschnürt bin.

Moment mal, vielleicht liegt es daran, dass ich in vielen Momenten gar nicht eingeschnürt bin. Denn ich fange an, mich immer häufiger meines Korsetts zu entledigen. Das ist nicht gut, ich weiß, aber ich bin doch 14 Jahre alt und möchte für meinen ersten Freund auch mal hübsch aussehen. Ich möchte mich frei bewegen können und nicht jedes Mal wie ein nasser Sack zur Seite umfallen, wenn ich versuche, mich im Sommer auf die Wiese zu legen. Ich möchte nicht bei jeder kleinen Bewegung den Schweiß meinen Rücken runterlaufen spüren. Nein, all das möchte ich nicht. Und ich habe den Eindruck, dass das niemand so richtig verstehen will, denn meine Eltern kommen mir immer mit der gleichen Leier, "Es ist doch so wichtig für dich.", "Willst du denn deine Zukunft wegschmeißen?", "Hast du heute schon deine Physio gemacht?".

"Da rein, da raus", denke ich mir. Deshalb bin ich auch immer seltener Zuhause und versuche möglichst viel mit meinen Freunden zu unternehmen, die mich wenigstens verstehen, denn die müssen ja auch nicht so ein Ding tragen und würden es auch nie wollen. Bei ihnen fühle ich mich normal und akzeptiert, vielleicht auch, weil sie mit meiner Krankheit nicht so recht etwas anfangen können. Müssen sie aber ja auch nicht. Die haben "normale" Probleme, die man in diesem Alter halt so hat.
Tja, hätte ich auch gerne...

Diese ewigen Streitereien mit meinen Eltern gehen mir auf die Nerven. Und dann fängt meine Mutter auch noch andauernd an, zu weinen. Von wegen, ich würde sie irgendwann dafür hassen, dass sie nicht alles dafür getan hätte, dass es mir besser geht und dass ich sie doch verstehen müsste, dass sie doch nur mein Bestes wollen.

Nein, verstehe ich nicht.

Dass ich heute Vieles anders sehe, hätte ich damals nicht gedacht, aber mit den Augen einer 14-jährigen ist die Welt eben eine andere.

Die Zeit vergeht und das Korsett tut allerhand Arbeit an meinem Körper. Ich muss mich mit vielen Nebenbeschwerden rumschlagen, die den Alltag nicht gerade vereinfachen. Andauernde Schmerzen in der linken Schulter und Hüfte lassen mich eine Menge Spezialarztpraxen von Innen sehen. Ich werde auf alle möglichen Krankheiten untersucht, unter anderem auf Multiple Sklerose, eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems, unter der meine Mutter seit vielen Jahren leidet. Typische Symptome können Lähmungserscheinungen verschiedener Körperpartien sein. 


Durch den ständigen Druck des Korsetts auf die Hüfte und Schulter werden die Muskeln und Sehnen gereizt und es entstehen Verschleißerscheinungen. Das hat damals allerdings anscheinend niemand so gesehen und so liege ich eine geschlagene Dreiviertelstunde in der ratternden MRT-Röhre. Ich hasse es, es ist eng und laut. Ich bekomme Platzangst und will nur raus. Warum das alles? Weil durch den Druck des Korsetts, mein Bein andauernd anfängt zu kribbeln und sich taub anfühlt. Klar, dann sichern wir uns mal lieber ab, dass es auch ja keine MS ist. 


Alles gut, keine MS, aber die Suche geht weiter. Es soll tatsächlich über 5 Jahre dauern, bis sich mal irgendwelche Ärzte festlegen, woher meine Beschwerden kommen. Denn meine Ärzte von damals wollen sich einfach nicht eingestehen, dass das Korsett an vielen Schmerzen Schuld sein könnte. 


Wie ich mich dagegen wehre, mit 15 Jahren für vier Wochen auf Kur fahren zu müssen, es letztendlich doch tue und diese Zeit dann erlebe, könnt ihr in meinem nächsten Eintrag lesen.  

3 Kommentare:

  1. Hallo Lisa
    Tolle Berichte, das kommst mir zum Teil eccht vot ob ich das wäre! Danke :)

    LG

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  2. Schön, dass es dir gefällt! Es war einfach mal an der Zeit, mir alles von der Seele zu schreiben, was ich in diesen Jahren so erlebt habe.

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  3. Kann ich verstehen, irgendwie muss man das ja mal loswerden! Ist ja nicht grade wenig was man da mitmachen muss:)

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