Es ist Februar im Jahr 2001 und das erste Mal, dass ich in den Winterferien mit meiner Familie in den Süden fliege. Zwei Wochen Gran Canaria lautet das Reiseziel. Raus aus dem kalten und grauen Winter in Berlin und rein in den Bikini. Dass mir dieser noch zum Verhängnis werden würde, ahne ich in diesem Moment noch nicht. Es liegen zwei Wochen Erholung vor uns, die wir nach dem Umzug von Bonn nach Berlin alle gut gebrauchen können. Alle, das sind meine Eltern und meine drei Jahre ältere Schwester.
Ich tauche wieder auf und am Beckenrand steht meine Mutter, die mir bereits das Handtuch entgegen hält. Ich steige aus dem Pool, in dem ich in den nächsten zwei Wochen für meine Gold-, Silber- und Bronzeabzeichnung für die Schule trainieren werde. Gemeinsam gehen wir in Richtung unseres Bungalows, wo wir den Rest der Familie einsammeln, um im Restaurant nebenan eine typische Paella essen zu gehen. Gut gelaunt hüpfe ich in meinem neuen Bikini vor meinen Eltern her, die plötzlich rufen, ich solle mal eben stehen bleiben und meine Haare nach vorne nehmen. Nichtsahnend bleibe ich stehen und lasse die Blicke meiner Eltern über meinen Rücken gleiten. Erschrocken schauen sie mich an und fragen, wann das denn so schnell passiert sei.
Sie reden in diesem Moment von meinem schiefen Rücken, der sich innerhalb weniger Monate von einer harmlosen Schieflage in eine ausgewachsene Verkrümmung entwickelt hat. Vor einigen Monaten noch sagte man mir bei einer Schuluntersuchung, dass es keinen Grund zur Beunruhigung geben würde, dass viele Mädchen in meinem Alter eine leichte Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung) aufweisen würden. Mit etwas Krankengymnastik würde ich das schnell wieder in den Griff kriegen.
Ihr Wort in Gottes Ohren. Es kam leider ganz anders. Denn in besagtem Urlaub sehen meine Eltern mit bloßen Augen, dass da etwas ganz und gar nicht stimmt. Ich versuche mir nicht den Urlaub verderben zu lassen und beschließe, meine Gedanken an mögliche Konsequenzen erst mal nach hinten zu verschieben.
Wieder im noch neuen Zuhause in Berlin angekommen, geht dann alles ganz schnell. Einen Termin in einer Berliner Spezialklinik, dem Behring Krankenhaus, erhalten wir innerhalb weniger Tage und mit diesem Tag ändert sich einiges in meinem bis dato unbeschwerten Leben. Die Ärztin, die mich untersucht ist nett, aber ich kann nicht leugnen, dass ich in dem Augenblick, in dem sie mir sagt, dass ich von nun an ein Plastikgestell 23 Stunden am Tag tragen soll, eine gewisse Antipathie für sie empfinde.
Nichts desto trotz muss ich lernen, mich mit meinem anstehenden Schicksal irgendwie abzufinden. Ein Röntgenmarathon nach dem anderen steht nun an und nach dem achten Arzt, vor dem ich mich ausziehen muss, lege ich auch langsam mein Schamgefühl ab. Ich werde gebogen und gedreht, gezogen und gequetscht. Mein Rücken wird in allen nur denkbaren Ausrichtungen vermessen, so dass das Ergebnis am Ende "hochgradige idiopathische, doppelbogige Skoliose" lautet. Die genauen Krümmungswerte spielen zu diesem Zeitpunkt keine Rolle für mich. Das soll sich in den kommenden 7 Jahren ändern.
Der Termin zur Anfertigung des Korsetts treibt mir dann allerdings zum gefühlten 1000sten Mal die Tränen, ach was sag ich, die Wasserfälle, in die Augen. Da steht nun ein 13-jähriges Mädchen nur in Unterhose vor zwei oder drei Personen, die ihren gesamten Oberkörper bis hin zur Hüfte mit kalten, nassen Gips-Bahnen bestreichen. Langsam aber bestimmt härtet der Gips aus und das Atmen wird immer schwerer. Ich spüre die Panik in mir hochsteigen und wünsche mir nur noch aus diesem Gefängnis rauszukommen.
Nach einer weiteren Viertelstunde kommt eine der Personen mit einer kleinen bis mittelgroßen Kreissäge in den Raum, in dem ich immer noch, nur mit meinem Gipsgefängnis bekleidet, stehe. Ich schaue meine Mutter, die die letzten anderthalb Stunden versucht hat, meine Nerven zu beruhigen, entsetzt an. Und dann geht es los, ein ohrenbetäubendes Geräusch hallt durch den Raum und plötzlich fängt mein gesamter Körper an zu kribbeln. Klar, denk ich mir, irgendwie müssen die mich hier ja auch wieder rauskriegen. Jeder, der mal einen Arm oder ein Bein gebrochen hatte, weiß, wovon ich rede. Allerdings werde ich von der Brust bis zur Hüfte aus meinem Gefängnis geschnitten.
Immer noch kribbelnd und irgendwie leer verlassen wir das Krankenhaus. Jetzt habe ich noch zwei bis drei Wochen, um mich von meinem alten Leben zu verabschieden, bis das Korsett fertig ist und ich zum Antrainieren eine Woche lang ins Krankenhaus auf die orthopädische Station zurück muss.
Was in dieser Woche mit mir passiert und welche Gefühle das in mir auslöst, könnt ihr in meinem nächsten Eintrag lesen. Ich hoffe, ich konnte euch einen ersten Einblick in meine damalige Gefühlswelt geben. Nach über 11 Jahren ist es gar nicht mal so einfach, sich an jedes Detail zu erinnern.
Und hier noch ein Bild von meinem Rücken beim Vorbeugen:
Und hier noch ein Bild von meinem Rücken beim Vorbeugen:

Ich bin begeistert, dass du diesen Blog hier angefangen hast. Sitze gerade auf der Arbeit und dachte mir ich starte den Freitag mit DIR. Jetzt kommen auch bei mir Erinnerungen hoch... Ist schon besonders und irgendwie seltsam was da mit uns passiert ist!
AntwortenLöschenFür mich ist es sehr wichtig und von großer Bedeutung, das alles mal aufzuarbeiten. Und ich freu mich so so doll, dass du daran teilnimmst. Heute ist für mich vieles so normal, aber was hinter uns liegt, ist weitaus mehr als normal.
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