Es klingelt zur großen Pause und alle meine Klassenkameraden rennen raus. Ich nicht, denn es ist Sommer geworden und ich habe mittlerweile meinen ganz eigenen Weg gefunden, den Schulalltag mit Korsett etwas erträglicher zu machen.
Sicherlich ist dies nicht die Art und Weise, die sich Eltern für ihre Korsett tragenden Kinder wünschen, aber das ist mir egal. Schließlich muss ich damit zurecht kommen und nicht sie. So denke ich jedenfalls mit meinen 13 Jahren.
In jeder großen Pause ziehe ich also mein Korsett aus, nehme meinen BH und das tolle enge T-Shirt, das ich morgens in meinen Rucksack gepackt habe und gehe mich auf der Mädchentoilette umziehen. Vor Selbstbewusstsein strotzend gehe ich auf den Schulhof und genieße es, wie jedes andere Mädchen auszusehen. Nicht angeschaut zu werden wegen der hässlichen weiten T-Shirts, mit denen meine Mutter mich in einem Sportgeschäft eingedeckt hat. Natürlich alles zwei Nummern größer, weil das Korsett sich ja nicht abzeichnen soll.
Nach ca. 15 Minuten auf dem Schulhof muss ich wieder hoch, um mich wieder einzuschnüren. Das enge Shirt ohne Nähte, das man unter dem Korsett tragen muss, damit das kalte Plastik nicht direkt auf der Haut sitzt, ist noch immer durchgeschwitzt und es fühlt sich bei gefühlten 35 Grad Außentemperatur unangenehm an, sich in zwei Schichten Baumwolle und eine Schicht Plastik einzuquetschen. Und schon spüre ich wieder die Blicke, die mich mustern, weil ich plötzlich unförmig aussehe und mein schlabbriges blaues Nike-Shirt auch nicht gerade das Stilbewusstsein an den Tag legt, das man von einer 13-jährigen erwartet. So empfinde ich in diesem Moment. Alle können das tragen, was sie möchten, nur ich bin gezwungen, so rumzulaufen.
In der nächsten kleinen Pause gehe ich nur kurz auf die Toilette und als ich zurück in die Klasse komme, sehe ich meinen schwarz geblümten BH durch den Klassenraum fliegen. Die Jungs aus meiner Klasse schmeißen sich lachend meinen gepolsterten BH zu, den ich immer vorne in meinem Rucksack verstaue, um ihn in den großen Pausen anzuziehen. Sie amüsieren sich prächtig, ohne zu merken, was dies in mir auslöst. Nicht nur, dass ich darunter leide, nicht die Klamotten anziehen zu können, die andere Mädchen in meinem Alter tragen, nein, mein Korsett sorgt auch dafür, dass mein Brustwachstum deutlich eingeschränkt ist, da es stark auf die Brust drückt.
In der orthopädischen Werkstatt, in der mein Korsett angefertigt wurde, arbeitet ein Mann, der wirklich sehr nett ist. Allerdings ist und bleibt er ein Mann, der offensichtlich nicht versteht, was es für ein Mädchen in der Pubertät bedeutet, wenn ein hartes Plastik-Korsett auf die Brust drückt und diese am Wachsen hindert.
Dies ist jedenfalls der Grund, wieso es mir mehr als unangenehm ist als mein stark ausgepolsterter BH durch die Hände meiner Klassenkameraden fliegt und mein Selbstbewusstsein damit einen ordentlichen Knacks erhält. Mit rotem Kopf gehe ich zu meinem Platz und versuche die unangenehme Situation mit blöden Sprüchen zu überspielen. Es klingelt, die Pause ist zu Ende und mein BH landet wieder in meinen eigenen Händen.
In der kommenden Stunde beschäftigen wir uns in Erdkunde mit dem Norddeutschen Flachland. Ein gefundenes Fressen für alle, die eben noch meinen gepolsterten BH in den Händen gehalten haben. Plötzlich ist mein Spitzname nämlich "Norddeutsches Flachland" und den werde ich auch so schnell nicht mehr los.
Ich finde mich irgendwann damit ab, dass mein Korsett meine Entwicklung, die andere Mädchen in diesem Alter durchmachen, zurückhält. Bis dahin vergehen allerdings viele Nachmittage, an denen ich mir in meinem Zimmer, das mit den üblichen Fanpostern an den Wänden ausgestattet ist, die Augen ausheule.
Wie mein erster fester Freund mit meinem Korsett umgeht und wie ich immer stärker anfange, zu rebellieren, könnt ihr in meinem nächsten Eintrag lesen.