Donnerstag, 27. Oktober 2011

Ich fühle mich wie eine Schildkröte, die auf dem Rücken liegt....

Es ist soweit, mein erstes ganz persönlich angefertigtes Korsett ist fertig. Klingt irgendwie so, als soll man sich darüber freuen, tue ich aber nicht. Vor allem nicht, weil eine Woche stationärer Krankenhausaufenthalt vor mir liegen. Ist doch bescheuert, wer geht denn freiwillig ins Krankenhaus, wenn man sich gesund fühlt.?!

Die Antwort lautet "ICH". Mir bleibt wohl keine andere Wahl, da hilft alles Protestieren und Weinen nicht. Wieso muss man eigentlich ins Krankenhaus, nur um so ein merkwürdiges Plastikgestell anzutrainieren?
Das ist mir zu dem Zeitpunkt noch nicht wirklich klar, was sich allerdings am ersten Tag meines Aufenthaltes ändern soll.

Um euch kurz zu zeigen, wie unfassbar blöd man in einem Korsett aussieht, hier zwei Bilder, die allerdings zwei Jahre später bei meinem Kuraufenthalt entstanden sind (dazu später mehr):

von vorne


und von hinten



Entschuldigt die schlechte Qualität, aber damals war das eben noch so :)



An die genauen Tagesabläufe erinnere ich mich nicht mehr, ich weiß allerdings, dass ich mich jeden Tag eine Stunde steigern muss. Das heisst also, dass ich am ersten Tag das Korsett, das ich noch lange nicht als "mein Korsett" bezeichne, eine Stunde tragen muss. Was ist schon eine Stunde, kein Problem, denk ich. Falsch gedacht, nach 5 Minuten habe ich schon solche Schmerzen, dass ich mir schon jetzt nicht vorstellen kann, wie man das 23 Stunden am Tag ertragen soll. Ich sitze mit meiner Mutter in einem Raum auf der orthopädischen Kinderstation des Behring Krankenhauses und versuche die vor mir liegende Stunde irgendwie rumzukriegen. Wir reden und atmen zusammen, sie redet auf mich ein, dass es alles eine Frage der Gewöhnung sei. Von all dem will ich nichts hören. Ich denke einfach nur, ist doch scheiße, ich will nach Hause.

Der erste Tag geht rum und die nächsten Tage verbringe ich zwischen Ergotherapie, bei der ich in irgendeinem merkwürdigen Becken rumhüpfen muss, das mit 100en von kleinen Plastikbällen gefüllt ist, und dem qualvollen Aushalten des Korsetts.

Nach vier Tagen ist es soweit und ich soll das erste Mal mit dem Plastikmonstrum etwas essen. Ah ja, und wie soll das bitte funktionieren? Immerhin wird mein Magen durch das Korsett auf die gefühlte Hälfte seines eigentlichen Volumens eingequetscht. Aber wenn die der Meinung sind, dass das irgendwie geht, dann versuch ich natürlich auch das. Nach ca. 6 Erbsen und 3 Löffeln Kartoffelpüree bin ich "voll". Natürlich nicht wirklich, aber es fühlt sich jedenfalls so an. Mein Bauch drückt von innen gegen die Plastikwand, die bei einer Diät sicherlich durchaus hilfreich wär, mir allerdings nur im Weg ist. Nicht, dass das Krankenhausessen und die gesamte Atmosphäre unbedingt zu viel Appetit anregt, aber 8 oder 9 Erbsen hätten es schon sein dürfen. So in etwa muss es sich anfühlen, wenn man ein Magenband eingesetzt bekommt.

Weiter geht's mit Ergo- und Physiotherapie und darauf Warten, dass die Stunden, in denen ich eingesperrt bin, endlich vorbei sind. Ein Zwischengespräch mit meiner Ärztin macht mir nicht gerade Mut. Sie sagt mir, dass ich entlassen werden kann, sobald ich es geschafft habe, einen Tag und eine ganze Nacht in dem Korsett zu verbringen. Na ein Glück, denk ich mir. Dass das allerdings zur größten Herausforderung überhaupt bis dahin werden wird, ahne ich nicht.

Den Tag bekomme ich irgendwie mit viel Ablenkung rum, meine Mutter unterstützt mich wirklich toll und redet immer wieder von Neuem auf mich ein, dass ich es schaffen werde und es irgendwann ganz normal für mich wird. Allein das Anlegen des Korsetts erfordert einen enormen Kraftaufwand, da dieses vorne mit zwei Bändern zugezogen wird und ich mich quasi selbst in Form drücke.
Als meine Mutter abends das Krankenhaus verlässt, steigt bei mir die Anspannung. Ich liege im Bett und finde einfach keine Position, in der ich es länger als eine Minute aushalte. Die eingeklebten Polster innerhalb des Korsetts, die zusätzlich meinen Rippenbuckel von hinten nach vorne drücken sollen, drücken nach kurzer Zeit so stark, dass ich nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist. Es brennt und kribbelt und irgendwie fühl ich mich panisch, weil ich nicht richtig durchatmen kann, geschweige denn, alleine aus der Rückenlage aufstehen. Ich fühle mich also wie eine Schildkröte, die auf dem Rücken liegt und hilflos alle Viere von sich streckt.

Dazu kommt, dass in meinem Doppelzimmer seit letzter Nacht ein 5-jähriges ADHS-Kind liegt. Und nein, das ist keine Übertreibung, sie hat wirklich diese Erkrankung. Vermutlich haben sie mich mit ihr zusammengelegt, weil sie geahnt haben, dass ich eh nicht schlafen kann. Jedenfalls betätigt dieses 5-jährige kleine Mädchen alle 10 Minuten den Notknopf, so dass alle 15 Minuten eine Schwester ins Zimmer kommt und das Licht anmacht. Aber macht ja nichts, schlafen wird eh überbewertet und so kann ich mich wenigstens auch zwischendurch immer mal wieder beschweren, dass ich es nicht mehr aushalte und kurz davor bin, das Ding auszuziehen und in die Ecke zu schmeißen. Die "Drohung", dass ich dann allerdings noch länger auf Station bleiben muss, hält mich schließlich davon ab. Nach einem nächtlichen Telefonat mit der gesamten Familie geht irgendwann die Sonne auf und ich denke, Wahnsinn, ich hab es geschafft, endlich nach Hause.
Dass die Nächte zu Hause nicht unbedingt einfacher werden, ist mir in dem Moment herzlich egal.

Nach einer Woche Antrainieren geht es also Freitag Mittags wieder nach Hause. Ich sage zu meiner Mutter, dass ich gerne heute noch in die Schule möchte, um meinen Mitschülern zu zeigen, was ich tolles aus dem "Kurzurlaub" mitgebracht habe.
Ich stelle mich also in der Pause vor meine Klasse und ziehe meinen Pullover hoch und sage, dass ist also mein Korsett, es sieht scheiße aus, fühlt sich scheiße an, aber wenn ihr wollt, könnt ihr gerne alle drauf unterschreiben. Gesagt, getan, nach kurzer Zeit ist von dem weißen Plastikgestell nicht mehr viel freie Fläche zu sehen. Alle haben sich verewigt und ich fühle mich angenommen und akzeptiert. Ein erster kleiner Lichtblick nach der hinter mir liegenden Woche.

Wie sich mein Alltag in der Schule gestaltet und was für unerwartete Probleme sich daraus ergeben, könnt ihr im nächsten Eintrag lesen.

Freitag, 21. Oktober 2011

Der schiefe Turm von Lisa oder wie alles anfing...

Die Sonne brennt auf meiner Haut und ich tauche mit dem Kopf unter das Wasser, das meine Haut kurzfristig etwas abkühlt.
Es ist Februar im Jahr 2001 und das erste Mal, dass ich in den Winterferien mit meiner Familie in den Süden fliege. Zwei Wochen Gran Canaria lautet das Reiseziel. Raus aus dem kalten und grauen Winter in Berlin und rein in den Bikini. Dass mir dieser noch zum Verhängnis werden würde, ahne ich in diesem Moment noch nicht. Es liegen zwei Wochen Erholung vor uns, die wir nach dem Umzug von Bonn nach Berlin alle gut gebrauchen können. Alle, das sind meine Eltern und meine drei Jahre ältere Schwester. 

Ich tauche wieder auf und am Beckenrand steht meine Mutter, die mir bereits das Handtuch entgegen hält. Ich steige aus dem Pool, in dem ich in den nächsten zwei Wochen für meine Gold-, Silber- und Bronzeabzeichnung für die Schule trainieren werde. Gemeinsam gehen wir in Richtung unseres Bungalows, wo wir den Rest der Familie einsammeln, um im Restaurant nebenan eine typische Paella essen zu gehen. Gut gelaunt hüpfe ich in meinem neuen Bikini vor meinen Eltern her, die plötzlich rufen, ich solle mal eben stehen bleiben und meine Haare nach vorne nehmen. Nichtsahnend bleibe ich stehen und lasse die Blicke meiner Eltern über meinen Rücken gleiten. Erschrocken schauen sie mich an und fragen, wann das denn so schnell passiert sei.

Sie reden in diesem Moment von meinem schiefen Rücken, der sich innerhalb weniger Monate von einer harmlosen Schieflage in eine ausgewachsene Verkrümmung entwickelt hat. Vor einigen Monaten noch sagte man mir bei einer Schuluntersuchung, dass es keinen Grund zur Beunruhigung geben würde, dass viele Mädchen in meinem Alter eine leichte Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung) aufweisen würden. Mit etwas Krankengymnastik würde ich das schnell wieder in den Griff kriegen. 

Ihr Wort in Gottes Ohren. Es kam leider ganz anders. Denn in besagtem Urlaub sehen meine Eltern mit bloßen Augen, dass da etwas ganz und gar nicht stimmt. Ich versuche mir nicht den Urlaub verderben zu lassen und beschließe, meine Gedanken an mögliche Konsequenzen erst mal nach hinten zu verschieben. 

Wieder im noch neuen Zuhause in Berlin angekommen, geht dann alles ganz schnell. Einen Termin in einer Berliner Spezialklinik, dem Behring Krankenhaus, erhalten wir innerhalb weniger Tage und mit diesem Tag ändert sich einiges in meinem bis dato unbeschwerten Leben. Die Ärztin, die mich untersucht ist nett, aber ich kann nicht leugnen, dass ich in dem Augenblick, in dem sie mir sagt, dass ich von nun an ein Plastikgestell 23 Stunden am Tag tragen soll, eine gewisse Antipathie für sie empfinde. 

Nichts desto trotz muss ich lernen, mich mit meinem anstehenden Schicksal irgendwie abzufinden. Ein Röntgenmarathon nach dem anderen steht nun an und nach dem achten Arzt, vor dem ich mich ausziehen muss, lege ich auch langsam mein Schamgefühl ab. Ich werde gebogen und gedreht, gezogen und gequetscht. Mein Rücken wird in allen nur denkbaren Ausrichtungen vermessen, so dass das Ergebnis am Ende "hochgradige idiopathische, doppelbogige Skoliose" lautet. Die genauen Krümmungswerte spielen zu diesem Zeitpunkt keine Rolle für mich. Das soll sich in den kommenden 7 Jahren ändern.

Der Termin zur Anfertigung des Korsetts treibt mir dann allerdings zum gefühlten 1000sten Mal die Tränen, ach was sag ich, die Wasserfälle, in die Augen. Da steht nun ein 13-jähriges Mädchen nur in Unterhose vor zwei oder drei Personen, die ihren gesamten Oberkörper bis hin zur Hüfte mit kalten, nassen Gips-Bahnen bestreichen. Langsam aber bestimmt härtet der Gips aus und das Atmen wird immer schwerer. Ich spüre die Panik in mir hochsteigen und wünsche mir nur noch aus diesem Gefängnis rauszukommen. 
Nach einer weiteren Viertelstunde kommt eine der Personen mit einer kleinen bis mittelgroßen Kreissäge in den Raum, in dem ich immer noch, nur mit meinem Gipsgefängnis bekleidet, stehe. Ich schaue meine Mutter, die die letzten anderthalb Stunden versucht hat, meine Nerven zu beruhigen, entsetzt an. Und dann geht es los, ein ohrenbetäubendes Geräusch hallt durch den Raum und plötzlich fängt mein gesamter Körper an zu kribbeln. Klar, denk ich mir, irgendwie müssen die mich hier ja auch wieder rauskriegen.  Jeder, der mal einen Arm oder ein Bein gebrochen hatte, weiß, wovon ich rede. Allerdings werde ich von der Brust bis zur Hüfte aus meinem Gefängnis geschnitten. 

Immer noch kribbelnd und irgendwie leer verlassen wir das Krankenhaus. Jetzt habe ich noch zwei bis drei Wochen, um mich von meinem alten Leben zu verabschieden, bis das Korsett fertig ist und ich zum Antrainieren eine Woche lang ins Krankenhaus auf die orthopädische Station zurück muss. 

Was in dieser Woche mit mir passiert und welche Gefühle das in mir auslöst, könnt ihr in meinem nächsten Eintrag lesen. Ich hoffe, ich konnte euch einen ersten Einblick in meine damalige Gefühlswelt geben. Nach über 11 Jahren ist es gar nicht mal so einfach, sich an jedes Detail zu erinnern.

Und hier noch ein Bild von meinem Rücken beim Vorbeugen: