Donnerstag, 29. Dezember 2011

Sobi 2003 oder "ich bin jetzt 3 cm größer"

Wir haben das Jahr 2003, ich bin 15 Jahre alt und meine Eltern sagen mir, dass es sinnvoll sei, wenn ich auf Kur fahre, um alles nur Erdenkliche für meinen Rücken zu tun. Wohin es gehen soll? In die Katharina-Schroth-Klinik nach Bad Sobernheim, ca. 650 km von Berlin entfernt und somit auch von meinem Zuhause, meinen Freunden und vor allem meiner Familie.
Vier Wochen lang soll ich 6 bis 8 Stunden am Tag physiotherapeutische Übungen, Atemtraining und Gruppentherapie-Sitzungen absolvieren. Das sind ja großartige Aussichten, vor allem weil drei von den vier Wochen in meine Sommerferien fallen. Als hätte ich nichts besseres zu tun.

Ich möchte da nicht hin. Wie ich das mit meinen 15 Jahren versuche, meinen Eltern klar zu machen? Ich laufe weinend und schreiend durch unser Haus, protestiere mit Händen und Füßen und schließe mich anschließend in meinem Zimmer ein. All das nützt nichts, denn meine Eltern sind der Meinung, dass es das Richtige für mich ist und sie mir damit auf Dauer gesehen sicherlich einen Gefallen tun. Die ticken ja wohl nicht mehr richtig. Was bitte soll daran gut für mich sein?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, aber alles Jammern hilft nicht. Der Sommer rückt immer näher und das einzig Gute, was ich an dieser "Reise" erkennen kann ist, dass Mama ständig mit mir shoppen geht, um mich von oben bis unten mit diversen Sport-Outfits einzukleiden. Ich bin also gut vorbereitet für die bevorstehenden vier Wochen, jedenfalls was meinen Koffer angeht, aber das war's dann auch schon. Ich fühl mich leer und einsam und vermisse meine gewohnte Umgebung jetzt schon. Glücklicherweise fahren meine Eltern und auch meine Schwester für 5 Tage mit und übernachten vor Ort in einem Hotel, um mir den Abschied etwas zu erleichtern.

Die 7-stündige Autofahrt in Richtung Frankfurt kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Es ist warm und eng im Auto und mein Rücken tut weh. Ich kann kaum noch sitzen und würde am Liebsten wieder umdrehen. Irgendwann kommen wir dann aber doch an und es sind gefühlte 40 Grad in Bad Sobernheim. Dass dieser Sommer einer der Wärmsten seit vielen Jahren wird, stelle ich in den nächsten Wochen noch fest.

Nach einigen Aufnahmegesprächen und Untersuchungen lerne ich meine Zimmernachbarin kennen. Sie ist zwar etwas jünger als ich, aber wir verstehen uns gut. Das Zimmer kann sich auch sehen lassen, aber die Atmosphäre in der Klinik fühlt sich irgendwie noch etwas befremdlich an. So viele junge und auch teilweise ältere  Leute, die alle eine ähnliche Erkrankung haben sollen wie ich. Ich habe bisher nur ein Mädchen kennengelernt, welches auch eine Skoliose hatte. Sie ist allerdings schon mit 13 Jahren operiert worden, weil Ihre Wirbelsäulenverkrümmung durch einen Unfall entstanden ist. Dass das Thema Operation irgendwann selbst noch mal eine bedeutende Rolle in meinem Leben spielt, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Jetzt ist erst mal Physiotherapie angesagt. Stundenlang bei 35 Grad Außentemperatur. Die ersten Tage sind heftig, aber ich lerne bereits am dritten Tag einige Leute kennen, mit denen ich die kommenden vier Wochen sehr viel Zeit verbringen werde. Wir verstehen uns bereits nach einigen Tagen so gut, dass ich meine Familie fast vollkommen vergesse. Sie bekommen mich in den Pausen kaum noch zu sehen und sie freuen sich darüber, dass mir der Abschied nach der ersten Woche so leicht fällt.

Ich bleibe gerne da. Das war noch vor kurzer Zeit kaum vorstellbar für mich, aber ich fühle mich tatsächlich richtig wohl in Sobi. Ich lerne jeden Tag neue tolle und interessante Menschen kennen. Fühle mich endlich akzeptiert und vor allem kann jeder Einzelne dort meine Sorgen, Schmerzen und Ängste nachvollziehen. Wir haben alle zusammen einen großartigen Sommer und die ganzen Anstrengungen und der Schweiß, der in Unmengen fließt, nehmen wir alle gerne in Kauf, denn wir haben eine richtig gute Zeit. Die Muskeln, die sich langsam aber sicher immer stärker ausprägen, sind ein zusätzlicher positiver Nebeneffekt. Nach der Hälfte der Zeit in Soberheim zeichnet sich an meinem Bauch ein deutliches Sixpack ab, auf das ich ziemlich stolz bin.

Die positivste Nachricht in diesen Wochen ist, dass mir meine Ärzte vor Ort raten, dass ich mein Korsett nach der Kur absetzen soll, da meine Schulterschmerzen leider durch die andauernde Belastung immer schlimmer werden und sie endlich erkennen, dass das Korsett mehr Schaden anrichtet als dass es einen positiven Effekt für mich hat. Ich bin überglücklich und kann kaum glauben, wie ein Leben ohne Korsett dann für mich sein wird. Ich soll noch meinen 16. Geburtstag abwarten und es danach dann immer öfter weg lassen. Diese tolle Nachricht beflügelt mich so sehr, dass ich gar nicht merke, dass das Ende meiner Kur schon bald vor der Tür steht. Ich werde die Mittagspausen, die Gruppenübungen, die Massagen, aber vor allem die freien Abende vermissen, an denen meiner Meinung nach Freundschaften für's ganze Leben entstanden sind.

Bei meiner Abschlussuntersuchung erfahre ich, dass sich meine Verkrümmung in den vier Wochen um 5 Grad verbessert hat und ich dadurch 3 cm gewachsen bin. Also war die Kur auch gesundheitlich ein voller Erfolg für mich. Dass diese 5 Grad in den nächsten Wochen wieder zurückgehen und sich in den kommenden Jahren deutlich verschlechtern werden, spielt zu dieser Zeit noch keine Rolle.

An dieser Stelle möchte ich mich noch vor allem bei einem Menschen für die großartige Zeit bedanken. Zusammen haben wir viel zu viel grünen Tee vernichtet, bei dem wir nach kurzer Zeit feststellen mussten, dass er in einer gewissen Dosierung durchaus aufputschend wirkt. Unter dem Einfluss von Ibuprofen 800 haben wir die Jugenddisco, die einmal in der Woche stattfand, aufgemischt und im Takt zu Britney Spears wild rumgetanzt. Wir haben gelacht und vor Schmerzen geweint und auch heute, 8 Jahre nach Bad Sobernheim, möchte ich sie als Menschen nicht missen. Danke Fabi!

Wie die Zeit nach der Kur für mich in Berlin weitergeht und wie ich mit dem Thema Operation umgehe, könnt ihr in meinem nächsten Eintrag lesen.

Sonntag, 11. Dezember 2011

Die ersten Schmetterlinge im Bauch trotz Korsett

Ich bin verliebt. Bis über beide Ohren. Das erste Mal. Und er stört sich doch tatsächlich nicht an meinem Korsett. Kaum zu glauben, aber wahr. Er mag mich so, wie ich bin und kommt offenbar ohne Weiteres damit klar, dass, wenn er mich in den Arm nimmt, er ein hartes Plastikgestell umarmt. Vielleicht liegt es daran, dass er zwei Jahre älter ist als ich, aber vielleicht mag er auch tatsächlich einfach nur meine Art. Wir lachen viel zusammen und albern rum und in diesen Momenten vergesse ich glatt, dass ich eingeschnürt bin.

Moment mal, vielleicht liegt es daran, dass ich in vielen Momenten gar nicht eingeschnürt bin. Denn ich fange an, mich immer häufiger meines Korsetts zu entledigen. Das ist nicht gut, ich weiß, aber ich bin doch 14 Jahre alt und möchte für meinen ersten Freund auch mal hübsch aussehen. Ich möchte mich frei bewegen können und nicht jedes Mal wie ein nasser Sack zur Seite umfallen, wenn ich versuche, mich im Sommer auf die Wiese zu legen. Ich möchte nicht bei jeder kleinen Bewegung den Schweiß meinen Rücken runterlaufen spüren. Nein, all das möchte ich nicht. Und ich habe den Eindruck, dass das niemand so richtig verstehen will, denn meine Eltern kommen mir immer mit der gleichen Leier, "Es ist doch so wichtig für dich.", "Willst du denn deine Zukunft wegschmeißen?", "Hast du heute schon deine Physio gemacht?".

"Da rein, da raus", denke ich mir. Deshalb bin ich auch immer seltener Zuhause und versuche möglichst viel mit meinen Freunden zu unternehmen, die mich wenigstens verstehen, denn die müssen ja auch nicht so ein Ding tragen und würden es auch nie wollen. Bei ihnen fühle ich mich normal und akzeptiert, vielleicht auch, weil sie mit meiner Krankheit nicht so recht etwas anfangen können. Müssen sie aber ja auch nicht. Die haben "normale" Probleme, die man in diesem Alter halt so hat.
Tja, hätte ich auch gerne...

Diese ewigen Streitereien mit meinen Eltern gehen mir auf die Nerven. Und dann fängt meine Mutter auch noch andauernd an, zu weinen. Von wegen, ich würde sie irgendwann dafür hassen, dass sie nicht alles dafür getan hätte, dass es mir besser geht und dass ich sie doch verstehen müsste, dass sie doch nur mein Bestes wollen.

Nein, verstehe ich nicht.

Dass ich heute Vieles anders sehe, hätte ich damals nicht gedacht, aber mit den Augen einer 14-jährigen ist die Welt eben eine andere.

Die Zeit vergeht und das Korsett tut allerhand Arbeit an meinem Körper. Ich muss mich mit vielen Nebenbeschwerden rumschlagen, die den Alltag nicht gerade vereinfachen. Andauernde Schmerzen in der linken Schulter und Hüfte lassen mich eine Menge Spezialarztpraxen von Innen sehen. Ich werde auf alle möglichen Krankheiten untersucht, unter anderem auf Multiple Sklerose, eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems, unter der meine Mutter seit vielen Jahren leidet. Typische Symptome können Lähmungserscheinungen verschiedener Körperpartien sein. 


Durch den ständigen Druck des Korsetts auf die Hüfte und Schulter werden die Muskeln und Sehnen gereizt und es entstehen Verschleißerscheinungen. Das hat damals allerdings anscheinend niemand so gesehen und so liege ich eine geschlagene Dreiviertelstunde in der ratternden MRT-Röhre. Ich hasse es, es ist eng und laut. Ich bekomme Platzangst und will nur raus. Warum das alles? Weil durch den Druck des Korsetts, mein Bein andauernd anfängt zu kribbeln und sich taub anfühlt. Klar, dann sichern wir uns mal lieber ab, dass es auch ja keine MS ist. 


Alles gut, keine MS, aber die Suche geht weiter. Es soll tatsächlich über 5 Jahre dauern, bis sich mal irgendwelche Ärzte festlegen, woher meine Beschwerden kommen. Denn meine Ärzte von damals wollen sich einfach nicht eingestehen, dass das Korsett an vielen Schmerzen Schuld sein könnte. 


Wie ich mich dagegen wehre, mit 15 Jahren für vier Wochen auf Kur fahren zu müssen, es letztendlich doch tue und diese Zeit dann erlebe, könnt ihr in meinem nächsten Eintrag lesen.  

Mittwoch, 9. November 2011

Und in der großen Pause fliegt plötzlich mein BH durch den Klassenraum

Es klingelt zur großen Pause und alle meine Klassenkameraden rennen raus. Ich nicht, denn es ist Sommer geworden und ich habe mittlerweile meinen ganz eigenen Weg gefunden, den Schulalltag mit Korsett etwas erträglicher zu machen.
Sicherlich ist dies nicht die Art und Weise, die sich Eltern für ihre Korsett tragenden Kinder wünschen, aber das ist mir egal. Schließlich muss ich damit zurecht kommen und nicht sie. So denke ich jedenfalls mit meinen 13 Jahren.

In jeder großen Pause ziehe ich also mein Korsett aus, nehme meinen BH und das tolle enge T-Shirt, das ich morgens in meinen Rucksack gepackt habe und gehe mich auf der Mädchentoilette umziehen. Vor Selbstbewusstsein strotzend gehe ich auf den Schulhof und genieße es, wie jedes andere Mädchen auszusehen. Nicht angeschaut zu werden wegen der hässlichen weiten T-Shirts, mit denen meine Mutter mich in einem Sportgeschäft eingedeckt hat. Natürlich alles zwei Nummern größer, weil das Korsett sich ja nicht abzeichnen soll.
Nach ca. 15 Minuten auf dem Schulhof muss ich wieder hoch, um mich wieder einzuschnüren. Das enge Shirt ohne Nähte, das man unter dem Korsett tragen muss, damit das kalte Plastik nicht direkt auf der Haut sitzt, ist noch immer durchgeschwitzt und es fühlt sich bei gefühlten 35 Grad Außentemperatur unangenehm an, sich in zwei Schichten Baumwolle und eine Schicht Plastik einzuquetschen. Und schon spüre ich wieder die Blicke, die mich mustern, weil ich plötzlich unförmig aussehe und mein schlabbriges blaues Nike-Shirt auch nicht gerade das Stilbewusstsein an den Tag legt, das man von einer 13-jährigen erwartet. So empfinde ich in diesem Moment. Alle können das tragen, was sie möchten, nur ich bin gezwungen, so rumzulaufen.

In der nächsten kleinen Pause gehe ich nur kurz auf die Toilette und als ich zurück in die Klasse komme, sehe ich meinen schwarz geblümten BH durch den Klassenraum fliegen. Die Jungs aus meiner Klasse schmeißen sich lachend meinen gepolsterten BH zu, den ich immer vorne in meinem Rucksack verstaue, um ihn in den großen Pausen anzuziehen. Sie amüsieren sich prächtig, ohne zu merken, was dies in mir auslöst. Nicht nur, dass ich darunter leide, nicht die Klamotten anziehen zu können, die andere Mädchen in meinem Alter tragen, nein, mein Korsett sorgt auch dafür, dass mein Brustwachstum deutlich eingeschränkt ist, da es stark auf die Brust drückt.

In der orthopädischen Werkstatt, in der mein Korsett angefertigt wurde, arbeitet ein Mann, der wirklich sehr nett ist. Allerdings ist und bleibt er ein Mann, der offensichtlich nicht versteht, was es für ein Mädchen in der Pubertät bedeutet, wenn ein hartes Plastik-Korsett auf die Brust drückt und diese am Wachsen hindert.

Dies ist jedenfalls der Grund, wieso es mir mehr als unangenehm ist als mein stark ausgepolsterter BH durch die Hände meiner Klassenkameraden fliegt und mein Selbstbewusstsein damit einen ordentlichen Knacks erhält. Mit rotem Kopf gehe ich zu meinem Platz und versuche die unangenehme Situation mit blöden Sprüchen zu überspielen. Es klingelt, die Pause ist zu Ende und mein BH landet wieder in meinen eigenen Händen.

In der kommenden Stunde beschäftigen wir uns in Erdkunde mit dem Norddeutschen Flachland. Ein gefundenes Fressen für alle, die eben noch meinen gepolsterten BH in den Händen gehalten haben. Plötzlich ist mein Spitzname nämlich "Norddeutsches Flachland" und den werde ich auch so schnell nicht mehr los.

Ich finde mich irgendwann damit ab, dass mein Korsett meine Entwicklung, die andere Mädchen in diesem Alter durchmachen, zurückhält. Bis dahin vergehen allerdings viele Nachmittage, an denen ich mir in meinem Zimmer, das mit den üblichen Fanpostern an den Wänden ausgestattet ist, die Augen ausheule.

Wie mein erster fester Freund mit meinem Korsett umgeht und wie ich immer stärker anfange, zu rebellieren, könnt ihr in meinem nächsten Eintrag lesen.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Ich fühle mich wie eine Schildkröte, die auf dem Rücken liegt....

Es ist soweit, mein erstes ganz persönlich angefertigtes Korsett ist fertig. Klingt irgendwie so, als soll man sich darüber freuen, tue ich aber nicht. Vor allem nicht, weil eine Woche stationärer Krankenhausaufenthalt vor mir liegen. Ist doch bescheuert, wer geht denn freiwillig ins Krankenhaus, wenn man sich gesund fühlt.?!

Die Antwort lautet "ICH". Mir bleibt wohl keine andere Wahl, da hilft alles Protestieren und Weinen nicht. Wieso muss man eigentlich ins Krankenhaus, nur um so ein merkwürdiges Plastikgestell anzutrainieren?
Das ist mir zu dem Zeitpunkt noch nicht wirklich klar, was sich allerdings am ersten Tag meines Aufenthaltes ändern soll.

Um euch kurz zu zeigen, wie unfassbar blöd man in einem Korsett aussieht, hier zwei Bilder, die allerdings zwei Jahre später bei meinem Kuraufenthalt entstanden sind (dazu später mehr):

von vorne


und von hinten



Entschuldigt die schlechte Qualität, aber damals war das eben noch so :)



An die genauen Tagesabläufe erinnere ich mich nicht mehr, ich weiß allerdings, dass ich mich jeden Tag eine Stunde steigern muss. Das heisst also, dass ich am ersten Tag das Korsett, das ich noch lange nicht als "mein Korsett" bezeichne, eine Stunde tragen muss. Was ist schon eine Stunde, kein Problem, denk ich. Falsch gedacht, nach 5 Minuten habe ich schon solche Schmerzen, dass ich mir schon jetzt nicht vorstellen kann, wie man das 23 Stunden am Tag ertragen soll. Ich sitze mit meiner Mutter in einem Raum auf der orthopädischen Kinderstation des Behring Krankenhauses und versuche die vor mir liegende Stunde irgendwie rumzukriegen. Wir reden und atmen zusammen, sie redet auf mich ein, dass es alles eine Frage der Gewöhnung sei. Von all dem will ich nichts hören. Ich denke einfach nur, ist doch scheiße, ich will nach Hause.

Der erste Tag geht rum und die nächsten Tage verbringe ich zwischen Ergotherapie, bei der ich in irgendeinem merkwürdigen Becken rumhüpfen muss, das mit 100en von kleinen Plastikbällen gefüllt ist, und dem qualvollen Aushalten des Korsetts.

Nach vier Tagen ist es soweit und ich soll das erste Mal mit dem Plastikmonstrum etwas essen. Ah ja, und wie soll das bitte funktionieren? Immerhin wird mein Magen durch das Korsett auf die gefühlte Hälfte seines eigentlichen Volumens eingequetscht. Aber wenn die der Meinung sind, dass das irgendwie geht, dann versuch ich natürlich auch das. Nach ca. 6 Erbsen und 3 Löffeln Kartoffelpüree bin ich "voll". Natürlich nicht wirklich, aber es fühlt sich jedenfalls so an. Mein Bauch drückt von innen gegen die Plastikwand, die bei einer Diät sicherlich durchaus hilfreich wär, mir allerdings nur im Weg ist. Nicht, dass das Krankenhausessen und die gesamte Atmosphäre unbedingt zu viel Appetit anregt, aber 8 oder 9 Erbsen hätten es schon sein dürfen. So in etwa muss es sich anfühlen, wenn man ein Magenband eingesetzt bekommt.

Weiter geht's mit Ergo- und Physiotherapie und darauf Warten, dass die Stunden, in denen ich eingesperrt bin, endlich vorbei sind. Ein Zwischengespräch mit meiner Ärztin macht mir nicht gerade Mut. Sie sagt mir, dass ich entlassen werden kann, sobald ich es geschafft habe, einen Tag und eine ganze Nacht in dem Korsett zu verbringen. Na ein Glück, denk ich mir. Dass das allerdings zur größten Herausforderung überhaupt bis dahin werden wird, ahne ich nicht.

Den Tag bekomme ich irgendwie mit viel Ablenkung rum, meine Mutter unterstützt mich wirklich toll und redet immer wieder von Neuem auf mich ein, dass ich es schaffen werde und es irgendwann ganz normal für mich wird. Allein das Anlegen des Korsetts erfordert einen enormen Kraftaufwand, da dieses vorne mit zwei Bändern zugezogen wird und ich mich quasi selbst in Form drücke.
Als meine Mutter abends das Krankenhaus verlässt, steigt bei mir die Anspannung. Ich liege im Bett und finde einfach keine Position, in der ich es länger als eine Minute aushalte. Die eingeklebten Polster innerhalb des Korsetts, die zusätzlich meinen Rippenbuckel von hinten nach vorne drücken sollen, drücken nach kurzer Zeit so stark, dass ich nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist. Es brennt und kribbelt und irgendwie fühl ich mich panisch, weil ich nicht richtig durchatmen kann, geschweige denn, alleine aus der Rückenlage aufstehen. Ich fühle mich also wie eine Schildkröte, die auf dem Rücken liegt und hilflos alle Viere von sich streckt.

Dazu kommt, dass in meinem Doppelzimmer seit letzter Nacht ein 5-jähriges ADHS-Kind liegt. Und nein, das ist keine Übertreibung, sie hat wirklich diese Erkrankung. Vermutlich haben sie mich mit ihr zusammengelegt, weil sie geahnt haben, dass ich eh nicht schlafen kann. Jedenfalls betätigt dieses 5-jährige kleine Mädchen alle 10 Minuten den Notknopf, so dass alle 15 Minuten eine Schwester ins Zimmer kommt und das Licht anmacht. Aber macht ja nichts, schlafen wird eh überbewertet und so kann ich mich wenigstens auch zwischendurch immer mal wieder beschweren, dass ich es nicht mehr aushalte und kurz davor bin, das Ding auszuziehen und in die Ecke zu schmeißen. Die "Drohung", dass ich dann allerdings noch länger auf Station bleiben muss, hält mich schließlich davon ab. Nach einem nächtlichen Telefonat mit der gesamten Familie geht irgendwann die Sonne auf und ich denke, Wahnsinn, ich hab es geschafft, endlich nach Hause.
Dass die Nächte zu Hause nicht unbedingt einfacher werden, ist mir in dem Moment herzlich egal.

Nach einer Woche Antrainieren geht es also Freitag Mittags wieder nach Hause. Ich sage zu meiner Mutter, dass ich gerne heute noch in die Schule möchte, um meinen Mitschülern zu zeigen, was ich tolles aus dem "Kurzurlaub" mitgebracht habe.
Ich stelle mich also in der Pause vor meine Klasse und ziehe meinen Pullover hoch und sage, dass ist also mein Korsett, es sieht scheiße aus, fühlt sich scheiße an, aber wenn ihr wollt, könnt ihr gerne alle drauf unterschreiben. Gesagt, getan, nach kurzer Zeit ist von dem weißen Plastikgestell nicht mehr viel freie Fläche zu sehen. Alle haben sich verewigt und ich fühle mich angenommen und akzeptiert. Ein erster kleiner Lichtblick nach der hinter mir liegenden Woche.

Wie sich mein Alltag in der Schule gestaltet und was für unerwartete Probleme sich daraus ergeben, könnt ihr im nächsten Eintrag lesen.

Freitag, 21. Oktober 2011

Der schiefe Turm von Lisa oder wie alles anfing...

Die Sonne brennt auf meiner Haut und ich tauche mit dem Kopf unter das Wasser, das meine Haut kurzfristig etwas abkühlt.
Es ist Februar im Jahr 2001 und das erste Mal, dass ich in den Winterferien mit meiner Familie in den Süden fliege. Zwei Wochen Gran Canaria lautet das Reiseziel. Raus aus dem kalten und grauen Winter in Berlin und rein in den Bikini. Dass mir dieser noch zum Verhängnis werden würde, ahne ich in diesem Moment noch nicht. Es liegen zwei Wochen Erholung vor uns, die wir nach dem Umzug von Bonn nach Berlin alle gut gebrauchen können. Alle, das sind meine Eltern und meine drei Jahre ältere Schwester. 

Ich tauche wieder auf und am Beckenrand steht meine Mutter, die mir bereits das Handtuch entgegen hält. Ich steige aus dem Pool, in dem ich in den nächsten zwei Wochen für meine Gold-, Silber- und Bronzeabzeichnung für die Schule trainieren werde. Gemeinsam gehen wir in Richtung unseres Bungalows, wo wir den Rest der Familie einsammeln, um im Restaurant nebenan eine typische Paella essen zu gehen. Gut gelaunt hüpfe ich in meinem neuen Bikini vor meinen Eltern her, die plötzlich rufen, ich solle mal eben stehen bleiben und meine Haare nach vorne nehmen. Nichtsahnend bleibe ich stehen und lasse die Blicke meiner Eltern über meinen Rücken gleiten. Erschrocken schauen sie mich an und fragen, wann das denn so schnell passiert sei.

Sie reden in diesem Moment von meinem schiefen Rücken, der sich innerhalb weniger Monate von einer harmlosen Schieflage in eine ausgewachsene Verkrümmung entwickelt hat. Vor einigen Monaten noch sagte man mir bei einer Schuluntersuchung, dass es keinen Grund zur Beunruhigung geben würde, dass viele Mädchen in meinem Alter eine leichte Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung) aufweisen würden. Mit etwas Krankengymnastik würde ich das schnell wieder in den Griff kriegen. 

Ihr Wort in Gottes Ohren. Es kam leider ganz anders. Denn in besagtem Urlaub sehen meine Eltern mit bloßen Augen, dass da etwas ganz und gar nicht stimmt. Ich versuche mir nicht den Urlaub verderben zu lassen und beschließe, meine Gedanken an mögliche Konsequenzen erst mal nach hinten zu verschieben. 

Wieder im noch neuen Zuhause in Berlin angekommen, geht dann alles ganz schnell. Einen Termin in einer Berliner Spezialklinik, dem Behring Krankenhaus, erhalten wir innerhalb weniger Tage und mit diesem Tag ändert sich einiges in meinem bis dato unbeschwerten Leben. Die Ärztin, die mich untersucht ist nett, aber ich kann nicht leugnen, dass ich in dem Augenblick, in dem sie mir sagt, dass ich von nun an ein Plastikgestell 23 Stunden am Tag tragen soll, eine gewisse Antipathie für sie empfinde. 

Nichts desto trotz muss ich lernen, mich mit meinem anstehenden Schicksal irgendwie abzufinden. Ein Röntgenmarathon nach dem anderen steht nun an und nach dem achten Arzt, vor dem ich mich ausziehen muss, lege ich auch langsam mein Schamgefühl ab. Ich werde gebogen und gedreht, gezogen und gequetscht. Mein Rücken wird in allen nur denkbaren Ausrichtungen vermessen, so dass das Ergebnis am Ende "hochgradige idiopathische, doppelbogige Skoliose" lautet. Die genauen Krümmungswerte spielen zu diesem Zeitpunkt keine Rolle für mich. Das soll sich in den kommenden 7 Jahren ändern.

Der Termin zur Anfertigung des Korsetts treibt mir dann allerdings zum gefühlten 1000sten Mal die Tränen, ach was sag ich, die Wasserfälle, in die Augen. Da steht nun ein 13-jähriges Mädchen nur in Unterhose vor zwei oder drei Personen, die ihren gesamten Oberkörper bis hin zur Hüfte mit kalten, nassen Gips-Bahnen bestreichen. Langsam aber bestimmt härtet der Gips aus und das Atmen wird immer schwerer. Ich spüre die Panik in mir hochsteigen und wünsche mir nur noch aus diesem Gefängnis rauszukommen. 
Nach einer weiteren Viertelstunde kommt eine der Personen mit einer kleinen bis mittelgroßen Kreissäge in den Raum, in dem ich immer noch, nur mit meinem Gipsgefängnis bekleidet, stehe. Ich schaue meine Mutter, die die letzten anderthalb Stunden versucht hat, meine Nerven zu beruhigen, entsetzt an. Und dann geht es los, ein ohrenbetäubendes Geräusch hallt durch den Raum und plötzlich fängt mein gesamter Körper an zu kribbeln. Klar, denk ich mir, irgendwie müssen die mich hier ja auch wieder rauskriegen.  Jeder, der mal einen Arm oder ein Bein gebrochen hatte, weiß, wovon ich rede. Allerdings werde ich von der Brust bis zur Hüfte aus meinem Gefängnis geschnitten. 

Immer noch kribbelnd und irgendwie leer verlassen wir das Krankenhaus. Jetzt habe ich noch zwei bis drei Wochen, um mich von meinem alten Leben zu verabschieden, bis das Korsett fertig ist und ich zum Antrainieren eine Woche lang ins Krankenhaus auf die orthopädische Station zurück muss. 

Was in dieser Woche mit mir passiert und welche Gefühle das in mir auslöst, könnt ihr in meinem nächsten Eintrag lesen. Ich hoffe, ich konnte euch einen ersten Einblick in meine damalige Gefühlswelt geben. Nach über 11 Jahren ist es gar nicht mal so einfach, sich an jedes Detail zu erinnern.

Und hier noch ein Bild von meinem Rücken beim Vorbeugen: